Lectio Divina

Ein wichtiges Fundament unseres Glaubens ist wohl unbestritten die Heilige Schrift, die Bibel. Hier können wir zum einen entdecken, wie Menschen seit tausenden von Jahren Gott erlebt haben, wie er in ihrem Leben gewirkt hat. Zum anderen ist sie für uns die fundamentale Quelle der Botschaft Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes, auf dessen Lehre wir ja unser Christsein gründen. In der katholischen Kirche war die Auslegung der Bibel lange Zeit ausschließlich Sache der geweihten Amtsträger, bzw. Theologen.

Den Gläubigen wurde durch die Predigt die Bedeutung der biblischen Perikopen nahe gebracht. Bis vor noch gar nicht so langer Zeit war es überhaupt nicht üblich und gewollt, selbst in der Bibel zu lesen – oder sich eigene Gedanken über das Gelesene zu machen. Zudem gab es eine Art „Giftschrank“; verbotene Teile der Bibel, die das gemeine Volk gar nicht lesen durfte, da man befürchtete, dass sie möglicherweise Verwirrung stiften oder sogar der Abkehr vom Glauben Vorschub leisten würden. Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind!

Nicht zuletzt durch das Vorbild unserer evangelisch-lutherischen Glaubensgeschwister hat – neben der Weitergabe der kirchlichen Tradition – die Heilige Schrift in der katholischen Kirche wieder an Bedeutung gewonnen, ist der Umgang mit ihr selbstverständlicher geworden.

Wie aber geht man mit ihr um? Man kann sich ihr natürlich wissenschaftlich/exegetisch nähern; nach geschichtlicher Einordnung der Texte fragen und soziokulturelle Hintergründe beleuchten. Die Fragen der bibelwissenschaftlichen Experten gelten dem Text und seinem Sinn, sie versuchen eine objektive Haltung zum Text mit einem nachprüfbaren Instrumentarium einzunehmen. Sie fragen nicht nach der Bedeutung der Hl. Schrift für das persönliche Leben des Einzelnen. Wir können durch sie etwas über den Glauben erfahren, aber eher wenig Glaubenserfahrungen machen.

Aber lassen Wissen und Tradition allein einen lebendigen Glauben in einem Menschen wachsen? Aus dieser Frage heraus entwickelte sich eine Rückbesinnung auf eine alte klösterliche Tradition, die sich durch eine besondere Form des Umgangs mit den Worten der Bibel auszeichnet. Ihr Name: LECTIO DIVINA, was so viel heißt wie „göttliche Lesung“. Man kann sie beschreiben als gläubige Bibellektüre.

Ob allein, oder gemeinschaftlich praktiziert – ihr Hauptinteresse gilt der Frage, welche Bedeutung ein Bibeltext im je eigenen persönlichen Leben und Alltag hat. Exegetische Hintergründe werden beachtet, aber nicht in den Vordergrund gestellt. Vor mehreren Jahren begann das Katholische Bibelwerk Stuttgart, diese Art des Umgangs mit der Bibel ins Gespräch und praktische Umsetzung zu bringen. Über die Verantwortlichen im Bistum Hildesheim kamen die Anregungen dazu auch in unsere Pfarrei.

Über die Jahre hat es in Wolfenbüttel eine erstaunliche und erfreuliche Weiterentwicklung gegeben. Einige Menschen fanden Gefallen an der Lectio Divina, erfuhren sie als Bereicherung für ihr (Glaubens)Leben und waren daher regelmäßig in der Advents- und Fastenzeit dabei. Ein paar Begeisterte übernahmen auch bald die Leitung der Treffen; aus ihrer Kompetenz als mündige Christen heraus, unterstützt durch einen kleinen Einführungskurs über das Bistum.

Seitdem finden in der Fastenzeit und im Advent regelmäßig Lectio-Divina-Abende statt. Informationen dazu finden Sie zu gegebener Zeit hier, im Wochenblatt oder Pfarrbrief.