Baustellengespräch in der St.-Petrus-Kirche

Am Freitag, 29. April, trug in der St.-Petrus-Kirche die bekannte Journalistin Christiane Florin aus ihren Büchern zum Thema vor „Weiberaufstand und Machtmissbrauch in der röm.-kath. Kirche.
Sind die Geduldigen Komplizen?“.

Pfarrer Matthias Eggers äußert dazu seine Gedanken:

„Das war auch für mich schwer zu ertragen, was uns Christiane Florin am vergangenen Freitag in der St. Petruskirche vortrug. Die Wolfenbütteler Zeitung berichtete: „Es war schonungsloser Klartext mit dem die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Christiane Florin, Baustellen der Katholischen Kirche ins Flutlicht brachte: Das System der katholischen Kirche sei Wurzel allen Übels. …Das Frauenbild und der Missbrauch habe essenziell mit Macht und Machtmissbrauch zu tun.“ Einigen, die gekommen waren, war ihre Sichtweise zu pessimistisch, zu hoffnungslos.  

In Absprache mit dem Pfarreirat hatte die Pfarreileitung Christiane Florin eingeladen. Wir sind eine Pfarrei, die mitbekommt, wie gefährlich das Hinwegsehen und Schweigen von Verantwortungsträgern der Bistumsleitung ist, was es für Kinder und Jugendliche bis in die jüngste Vergangenheit bedeuten kann. In dem vom Bistum selbst in Auftrag gegebenen Bericht „Wissen Teilen“ wird von einer „Kultur der gravierenden Verantwortungslosigkeit, des Wegsehens und der Naivität gesprochen“. Diese Wahrheit ist zwar furchtbar anzunehmen, aber noch furchtbarer wäre es, in dieser Spur weiterzugehen. Frau Florin ist aufgrund der Tatsache, dass sehr viele Betroffene sich an sie wenden und ihr ihre Geschichten erzählen, eine der umfassendsten Wissensträgerinnen, wenn es um die Themen Diskriminierung und Machtmissbrauch geht. Ich denke, es ist für uns auch gerade deshalb schwer anzunehmen, weil keiner von uns zu einer Kirche gehören möchte, die ihren Herrn so grundlegend verraten hat. So sind wir also in unserem innersten Selbstverständnis angefragt, und es ist fast so, als würden wir selbst mit angeklagt werden. Bemerkenswerterweise kann Frau Florin ihre eigene Blindheit und ihr Wegsehen und ihre Naivität im Umgang mit Verantwortungsträgern in der Vergangenheit vortrefflich ins Wort fassen.  

Für mich als römisch-katholischen Priester, der sein Leben und seinen Lebensentwurf in den Dienst dieser Kirche gestellt hat und meinem Bischof Ehrfurcht und Gehorsam versprochen hat, ist die messerscharfe und brillante Analyse schmerzlich, wie für viele andere auch. Sie ist zwar furchtbar und ernüchternd, aber nicht hoffnungslos. Dass sich eine Frau, die immer noch Mitglied dieser Kirche ist, mit den Kompetenzen ihres Berufes auf die Seite der Opfer, der Überlebenden und Betroffenen und der Diskriminierten stellt und unbeirrbar die Realität beschreibt und an ihrer Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit festhält, beeindruckt mich sehr. Den Bischöfen wird in fast jedem neuen Gutachten neu vor Augen geführt, wie zerstörerisch und brachial sich Schweigen auswirken kann. Und was machen die Bischöfe? Zu den meisten Fragen und der Frage ihrer eigenen Verantwortungsübernahme schweigen sie weiterhin. Und die, die ihren Rücktritt anbieten, die sollen weitermachen! Der Fisch stinkt vom Kopf her. Frau Florin kann zu Recht darauf hinweisen, dass sie keinen Systemwechsel sieht! 

Ich kenne kein Jesuswort, mit dem sich legitimieren ließe, dass einzelne Bischöfe ohne Rechenschaft zu geben Millionenbeträge für ihre eigenen klerikalen Interessen und Verschleierungstaktiken verwenden können. Ob sich die römisch-katholische Kirche der Botschaft Jesu in ihrem eigenen Selbstverständnis wieder grundlegend annähert, ist tatsächlich offen. Manche mögen fragen, wie ich mein eigenes kritisches Engagement mit meinem Gehorsamsversprechen vereinbaren kann. Nun, ich war 16 Jahre alt, als ich bei meiner Firmung Weihbischof Heinrich Machens dreimal versprochen habe, dass ich allem Bösen und all seinen Verlockungen wiedersage. Danach hat er mir die Hände aufgelegt und mich gesalbt mit dem Heiligen Chrisamöl. Dieses Taufversprechen ist grundlegender als das Gehorsamsversprechen. Ich glaube, das haben die meisten Verantwortungsträger bis heute nicht verstanden. Ach ja, Frau Florin beschmeißt die Kirche nicht mit Dreck. Sie trägt vielmehr das Licht der Wahrheit und der Gerechtigkeit dorthin, wo es so bitter nötig ist. Sie macht den Job, den eigentlich die Bischöfe machen müssten!