Dienstag, 12 Dezember 2017

Petrus-Seite 1

Ab 1933

Nach ihrer Machtergreifung 1933 betrieben die Nationalsozialisten auf dem Hintergrund ihrer Kriegspläne im Jahre 1937 den Aufbau ihres Hüttengroßprojektes Der Taufstein im Salzgittergebiet (Hermann-Göring-Werke). Als nach Kriegsausbruch im Jahre 1939 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in der Industrie Salzgitters eingesetzt wurden, fiel deren seelsorgliche Betreuung mit unter die Zuständigkeit der Pfarrei St. Petrus in Wolfenbüttel. Die Wolfenbütteler Pfarrgemeinde zählte damals mit über 55000 Katholiken (in 124 Orten auf 750 qkm Fläche)zu den größten Pfarreien im Deutschen Reich. Staatliche Verordnungen und Repressalien machten die seelsorgliche Betreuung der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unmöglich. Auch griff der nationalsozialistische Staat mit der Beschlagnahme des ehemaligen katholischen Schulgebäudes 1939 in Wolfenbüttel zwecks Unterbringung Evakuierter aus dem Saarland und unter Berufung auf das Verbot kirchlicher Vereinigungen aggressiv in die Seelsorgearbeit der Gemeinde ein. Neben der allgemeinen Pfarrseelsorge war der Pfarrer an St. Petrus auch für die Betreuung der im Wolfenbütteler Strafgefängnis inhaftierten Katholiken verantwortlich. Hier wurden mit vielen anderen Häftlingen auch zahlreiche katholische Christen zu Unrecht hingerichtet, unter ihnen vier Priester.

Da während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) alle Gasthäuser als Massenquartiere genutzt wurden, war es hauptsächlich nur noch möglich, in Schulen Gottesdienst zu halten. Unter dieser Voraussetzung erachtete es der Hildesheimer Bischof Joseph Godehard Machens (1934-1956) für notwendig, sich um die Schaffung von Gottesdienstmöglichkeiten und Kirchbauplätzen zu bemühen. Die Verhandlungen von Bischof Machens mit den Hermann-Göring-Werken in Salzgitter und den staatlichen Stellen blieben jedoch ohne Erfolg. Neue Gotteshäuser durften nicht errichtet werden; lediglich in angemieteten Sälen und Baracken in den Dörfern konnte die Heilige Messe gefeiert werden. In Lichtenberg wurde im Jahre 1940 der Gottesdienst, der im "Amtskrug" stattfinden sollte, von der Geheimen Staatspolizei verboten.

Nach 1945

Am 11. April 1945 ergab sich Wolfenbüttel ohne Widerstand den amerikanischen Truppen. Befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene drängten in die wenig vom Luftkrieg betroffene Stadt und plünderten sie. Ohne bedeutende Industrie war Wolfenbüttel kein Angriffsziel alliierter Luftverbände gewesen; von 6797 Wohnungen waren lediglich 285 leicht zerstört, 363 leicht beschädigt. Vom Lager Immendorf aus erreichten Heimatvertriebene aus dem Osten die Stadt und hofften hier auf Unterkunft. Der Größenordnung der hinzuziehenden Menschen war Wolfenbüttel jedoch nicht gewachsen, von 1932 bis 1945 hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt von 20000 auf 27000 erhöht. In den umliegenden Dörfern der Stadt musste deshalb nach Unterbringungsmöglichkeiten für die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone gesucht werden. Mit Ausnahme der Gemeinden im Salzgittergebiet waren die Dörfer des Kreisgebietes von Wolfenbüttel jedoch bald mit dem Zustrom der Unterkunftssuchenden überfordert; im Jahre 1946 wohnten im Kreisgebiet 24000 Heimatvertriebene und etwa 500 Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone. Anfang des Jahres 1946 zählte die Stadt Wolfenbüttel schon 35000 Einwohner, so dass neben den "Zwangseinweisungen" auch Flüchtlingslager eingerichtet werden mussten. Solche Lager wurden in Wolfenbüttel an der Halchterschen Straße, Frankfurter Straße, Ackerstraße, an der Friedrich-Wilhelm-Straße und später in den Kasernen an der Lindener Straße eingerichtet.

Pietà

Auf immer noch 750 qkm bestanden 11 Pfarrvikarien im Seelsorgebereich von St. Petrus, wo im Jahre 1946 36476 Katholiken von 15 Priestern seelsorglich betreut wurden. Direkt in Wolfenbüttel waren im selben Jahr von 23000 Einwohnern etwa 1200 katholischer Konfession. Mit den Heimatvertriebenen hatte sich die Anzahl der in der Stadt wohnenden Katholiken im Vergleich zur Vorkriegszeit verzehnfacht. Die Sozialstruktur der katholischen Pfarrgemeinde St. Petrus prägten nach 1945 die heimatvertriebenen Katholiken. Unter ihnen waren zwar alle Berufsgruppen vertreten, wenngleich sie, in Barackenlagern untergebracht, ihren Beruf nicht ausüben konnten; es herrschte soziale Armut. Eine Besserung ihrer sozialen Lage zeichnete sich nach 1948 mit der Währungsreform ab, als finanzielle Mittel zum Wohnungsbau bereitgestellt wurden und der Ausbau der Wolfenbütteler Infrastruktur ihnen langfristig die Arbeitsaufnahme im Industriebereich von Salzgitter ermöglichte. Auch die seelsorgliche Situation entspannte sich durch die Einrichtung von Pfarrvikarien und Kuratien in Hornburg, Semmenstedt sowie im Stadtbereich von Salzgitter in Thiede-Steterburg, Watenstedt, Lebenstedt, Woltwiesche, Gebhardshagen und Burgdorf/Braunschweig.

Die Konsolidierung des katholischen Gemeindelebens zeichnete sich mit der Gründung bzw. mit der Neuorganisation der kirchlichen Vereinigungen, wie der Jugendverbände und der Kolpingfamilie, in den 50er Jahren deutlich ab. Damals stellten im wesentlichen Industriearbeiter und Angestellte die größten sozialen Gruppen in St. Petrus. Etwa 40 % einheimische und 60 % heimatvertriebene Katholiken wurden im Diasporaseelsorgebezirk betreut.