Sonntag, 20 August 2017

Petrus-Seite 1

Ab 1880

Eine zweite Einwanderungswelle ergriff Wolfenbüttel während der Industrialisierung um 1880, als österreichische Katholiken aus Böhmen, Mähren und Tirol sowie zahlreiche Landarbeiter aus Polen in der Stadt und im Wolfenbütteler Umland Arbeit annahmen und sich niederließen. Mehrere Gesuche des Hildesheimer Bischofs auf Einrichtung von zusätzlichen katholischen Seelsorgestellen im Pfarrbezirk von Wolfenbüttel wurden von der Braunschweiger Regierung abgelehnt. Wolfenbüttel blieb für den weiten Pfarrbezirk auf 650 qkm die einzige Seelsorgestelle, so dass der Bau einer katholischen Kirche immer dringlicher wurde. Das Bauvorhaben der Kirche gestaltete sich besonders während der Kulturkampfzeit schwierig. Bischof Wilhelm Sommerwerck unterstützte den Bau der katholischen Kirche in Wolfenbüttel aus seinem persönlichen Einkommen.

Die Baupläne wurden 1889 für das Grundstück, das zwischen der Wallpromenade und dem Okerkanal lag, fertiggestellt. Baubeginn war September 1889; das Gotteshaus wurde am 5. August 1891 durch den Hildesheimer Bischof zu Ehren des heiligen Apostels Petrus geweiht. Damals stellten besonders Fabrikarbeiter und Tagelöhner die Mehrheit der Gemeindemitglieder, so dass wirtschaftliche Eigenleistungen zum Unterhalt der Pfarrei kaum aufgebracht werden konnten. Die Schlenter-Mühle musste deshalb 1891 an die Stadt Wolfenbüttel verkauft werden. Zum weiträumigen Pfarrbezirk von St. Petrus gehörten außer der Stadt Wolfenbüttel noch die Dörfer der Ämter Wolfenbüttel, Schöppenstedt, Salder und Harzburg, wo im Jahre 1895 136 Katholiken wohnten, während insgesamt 3000 katholische Christen betreut wurden. Der Hauptteil der Katholiken verteilte sich auf die Stadt Wolfenbüttel, wo Fabriken Arbeitsplätze anboten. Jedoch auch die wenigen Katholiken in den umliegenden Landgemeinden, die weite Wege zum Kirchenbesuch in Wolfenbüttel zurücklegten, mussten pastoriert werden. Die Gesuche des Pfarrgeistlichen zur Einrichtung von periodischen Gottesdiensten z.B. in Schöppenstedt wurden jedoch von der Regierung abgelehnt. Hinzu kam, dass vor und nach der Jahrhundertwende zahlreiche polnische Landarbeiter katholischer Konfession in den umliegenden Dörfern arbeiteten, deren seelsorgliche Betreuung, welche die Pfarrei St. Petrus übernommen hatte, durch die staatlichen Behörden stark reglementiert wurde.

1900

Hl. Antonius mit dem Jesuskind

Erst 1907 wurde nach mehrfach abgelehnten Gesuchen die Einstellung eines Hilfsgeistlichen mit der Zuständigkeit für Schöppenstedt genehmigt. Er durfte hier jedoch nur viermal Gottesdienst halten; die periodische Einrichtung zur Feier der Heiligen Messe war abgelehnt worden. Im Jahre 1908 wurde im Gasthaus "Deutscher Kaiser" erstmals wieder die Heilige Messe in Schöppenstedt gefeiert; 1920 erhielt die Gemeinde einen eigenen Seelsorger.

Ähnlich war die Situation in Thiede, wo man nach der Jahrhundertwende eine Gottesdienststation hatte einrichten können. Von 1913 bis 1926 war die Anzahl der hier wohnenden Katholiken von 250 auf 300 gestiegen. Die Katholikenzahl erhöhte sich in den Sommermonaten noch durch polnische Landarbeiter, die auf den umliegenden Dörfern arbeiteten. In Thiede konnte mit Hilfe des Bischöflichen Generalvikariates ein Haus käuflich erworben und zu gottesdienstlichen Zwecken umgebaut werden.

Nachdem im Jahre 1907 in Wolfenbüttel die Anstellung eines Kaplans möglich gewesen war, konnte der katholische Religionsunterricht auch auf den Dörfern sichergestellt werden. Die katholische Volksschule in Wolfenbüttel musste jedoch 1922 aufgegeben werden, da die Pfarrei nicht die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen konnte. Die Stadt übernahm die Lehranstalt mit der Auflage, dass ihr katholischer Charakter erhalten blieb.

Noch während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) und der Aufhebung des Herzogtums Braunschweig im Jahre 1918 kam es in Wolfenbüttel zu entscheidenden kommunalpolitischen Veränderungen, indem 1917 an die Stelle des herzoglichen Stadtdirektors ein gewählter Bürgermeister trat. Im Jahre 1924 wurden etwa 336 ha von den umliegenden Landgemeinden Ahlum, Atzum, Linden und Wendessen der Stadt zugeschlagen. Die so gewonnenen Freiflächen wurden zur Bebauung freigegeben und der Stadtbereich Wolfenbüttels erweitert.