Samstag, 21 Oktober 2017

Petrus-Seite 1

 

1400

Erste Nachrichten über die Burgsiedlung Wolfenbüttel, die man aufgrund der topographisch ungünstigen Lage in der Okerniederung auf einem Damm errichten musste, stammen aus dem 14. Jahrhundert. Die Siedler waren zu Hand- und Spanndiensten, die Bauern und Händler zur Bewirtschaftung des Burghaushaltes verpflichtet. Die Burgsiedlung bestand zunächst aus einem Vorwerk und einer Wassermühle; letztere war möglicherweise Ausgangspunkt der gesamten Ansiedlung. Maria mit dem Jesuskind Burg und Siedlung Wolfenbüttel waren zunächst nach Lechede eingepfarrt, einer späteren Wüstung östlich der Oker. Von der dortigen Pfarrkirche St. Stephanus ging die seelsorgliche Betreuung für beide aus. Über das Patronatsrecht der Stephanus-Kirche verfügten zunächst die Herren von Asseburg bzw. von Wolfenbüttel, dann im 14. Jahrhundert die Herzöge von Braunschweig. Als Filialkirche von St. Stephanus war vor 1301 die Marienkapelle östlich der Oker für die Gemeinde eingerichtet worden, während die Longinus-Kapelle (1314) vor der Burg vermutlich zunächst nur der herzoglichen Familie zur Feier des Gottesdienstes vorbehalten war. In diesem Bereich östlich der Oker war der Halberstädter Bischof seelsorglich verantwortlich, der diesen Sprengel der kirchlichen Aufsicht des Archidiakones des Bannes Atzum unterstellte. Die Oker trennte in Wolfenbüttel das Bistum Hildesheim von der östlich liegenden Diözese Halberstadt.

Da 1460 Lechede wüst war, nachdem seine Bewohner in Wolfenbüttel Schutz und Unterkunft gefunden hatten, verlor die St. Stephanus-Kirche an Bedeutung. Dennoch blieb die Pfarrstelle im Ort bis 1561 besetzt, obwohl das Gotteshaus 1522 ausgeraubt und 1542 völlig zerstört worden war. Bischof Gerhard (1458-1479) von Halberstadt hatte nach 1460 den wenigen Bewohnern Lechedes gestattet, ihren Gottesdienst mit Ausnahme der kirchlichen Hochfeste in der Longinuskapelle zu feiern und ihre Angehörigen vor der Marienkapelle in Wolfenbüttel beerdigen zu lassen. Die bischöfliche Order wurde umgangen, als 1561 Herzog Heinrich der Jüngere (1514-1568) von Braunschweig kraft Fundation den Pfarrsitz von St. Stephanus an die Marienkapelle in Wolfenbüttel verlegte. Der Herzog griff damit in die kirchliche Verantwortlichkeit des Bischofs ein. Jenes Vorgehen prägte seine Regierungszeit; er blieb zwar katholisch, nahm aber die kirchliche Oberhoheit für sich in Anspruch.