Donnerstag, 25 Mai 2017

DAS WORT ZUM SONNTAG

Braunschweiger Zeitung vom 17.03.2007

"Fliegenfänger" entsorgen

Wir befinden uns mitten in der Fastenzeit. Schlagworte dieser Zeit sind: Verzicht, Fastenopfer, Einschränkung, Sieben Wochen-Ohne-Aktion ...

Doch was sind eigentlich Sinn und Zweck dieser mal mehr, mal weniger gelungenen Versuche einer bewussten Änderung des eigenen Verhaltens in der vorösterlichen Zeit? Der, dessen Tod und Auferstehung wir in wenigen Wochen feiern, hat laut der biblischen Berichte immer wieder mit Hilfe alltäglicher Bilder und Vergleiche, die den Menschen seiner Zeit und Umgebung vertraut waren, versucht, Glaubenswahrheiten verständlich zu machen.

Also machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Bildwort zum besseren Verständnis der Fastenzeit und wurde fündig in den Veröffentlichungen einer katholischen Pfarrgemeinde in Lüneburg zur Fastenzeit im Jahr 2006. An einigen dieser Impulse möchte ich Sie im Folgenden teilhaben lassen:


Dietlinde Schulze,
Gemeindereferentin
St. Petrus, WF

Früher gab es sie noch häufiger, heute sind sie gottlob selten geworden: diese braunen, mit Leim bestrichenen, halbmeter-langen, gekräuselten Fliegenfänger, die man mit einer Reißzwecke irgendwo an die Decke pinnt, meist am Fenster oder in der Nähe einer Lichtquelle. Sie bieten keinen besonders schönen Anblick: Kurze Zeit nach dem Aufhängen sind sie schon übersäht mit Fliegen, die, angelockt von irgendwelchen Düften, an der Oberfläche kleben.

Aus eigener Kraft können sie sich nicht mehr befreien und verenden langsam. Wir Menschen kleben - wie die Fliegen am Leimband - an den unterschiedlichsten Dingen:

am Geld und Luxus, am Auto, am Haus, am PC, am Fernseher, am Handy, an lieb gewordenen Gewohnheiten, an der Vergangenheit, an der Bequemlichkeit, an Genussmitteln verschiedenster Art, buchstäblich an der „Oberfläche" des Lebens. Und oft merken wir es gar nicht, dass wir „kleben bleiben", unfrei geworden sind, unsere Flügel nicht mehr gebrauchen können.

Fliegenfänger gibt es so gesehen auch für uns Menschen: Fallen in unserem Leben, von denen man meinen kann, dass ein Teufel sie aufgehängt hat; Leimruten, die mit bloßem Auge kaum sichtbar sind, aber gerade darum auf uns ebenso trügerisch wirken können, wie die mit Lockstoffen bestrichene Leimbänder auf Insekten.

Die Fastenzeit dürfen wir begreifen als Gottes Einladung an uns, zu überlegen, wo denn unsere persönlichen „Fliegenfänger" hängen. Insekten kann man nicht begreiflich machen, dass das Geheimnis der Fliegenfänger in den Lockstoffen liegt.

Sie haben keinen Verstand, folgen einfach nur ihrem Instinkt. Aber wir Menschen, Geschöpfe mit Herz und Verstand, sollten doch eigentlich in der Lage sein zu begreifen, was uns frei macht und was nicht!?

Ich wünsche uns allen in dieser Fastenzeit die Bereitschaft, unsere persönlichen Unfreiheiten aufzuspüren, den Entschluss den einen oder anderen „Fliegenfänger" vielleicht sogar zu entsorgen und die beglückende Erfahrung des Frei-Werdens für das wirklich Wichtige im Leben.

Text ©Braunschweiger Zeitung 2007, Foto: privat

 

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