Dienstag, 12 Dezember 2017

DAS WORT ZUM SONNTAG

Braunschweiger Zeitung vom 21.06.2008

Innere Stimmen im Dialog

Liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie auch das Gefühl, von Zeit zu Zeit innerlich zerrissen zu sein? Nicht zu wissen, welche Entscheidung die richtige ist, und irgendwie macht sich ein beklemmendes Gefühl breit.

"Ich bin Viele", diesen Ausspruch habe ich vor kurzem zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Er weist darauf hin, dass wir Menschen zumeist nicht eindeutig sind, sondern zugleich eine Fülle von verschiedenen Stimmen und Meinungen in uns tragen, die es nicht leicht machen, eindeutig Stellung zu beziehen oder einer Situation gerecht zu werden. In solchen Augenblicken fühle ich mich schnell wie gelähmt.


Pfarrer Matthias Eggers,
Wolfenbüttel, St. Petrus

Um klare Entscheidungen treffen zu können, ist es für mich hilfreich, die inneren Stimmen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, um sie danach in einen inneren- Dialog bringen zu können. Die Schauspielerin Whoopi Goldberg hat eine große Lebenskrise überwunden, indem sie ihre innere Zerrissenheit durch veschieden gespielte Rollen zum Ausdruck gebracht hat und sie so zu einem konstruktiven Dialog führen konnte.

Dadurch hat sie offensichtlich überhaupt erst ihr schauspielerisches Talent richtig entwickelt. Nun muss man natürlich, nicht gleich Schauspieler werden wollen oder seine inneren Konflikte in einer Art One-Man-Show zum Besten geben, um die eigene Zerrissenheit zu überwinden.

Auf jeden Fall finden wir auch in der Heiligen Schrift Hinweise für die Bedeutung des inneren Dialogs des Menschen. Im Psalm 42 heißt es zum Beispiel: "Meine Seele, warum bist du betrübt und so unruhig in mir? - Warte auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, meinem Herrn und Retter." Auch der Gesang "Lobe den Herrn" ist ein Lied, in dem wir sogar zu unserer eigenen Seele singen, sie möge nicht vergessen, was Gott ihr Gutes getan hat. Hier kommt das Vertrauen zum Ausdruck, dass in der Tiefe unserer Seele die Selbstheilungskräfte liegen, die wir manchmal so dringend brauchen. Das bewusste Wahrnehmen der eigenen Innerlichkeit, der verschiedenen Stimmen, kann ein Weg ein, uns zu diesen Quellen zu führen, die schon in uns liegen.

Text ©Braunschweiger Zeitung 2008, Foto: privat