Samstag, 24 Juni 2017

 

DAS WORT ZUM SONNTAG

Braunschweiger Zeitung vom 12.04.2008

Endlich Leben leben

Auch wenn das Osterfest schon einige Wochen hinter uns liegt, so befinden wir uns doch noch immer in der Osterzeit, die 50 Tage bis zum Pfingstfest anhält. Viele wissen nicht, dass sich an die 40-tägige Fasten- beziehungsweise Passionszeit eine 50-tägige Festzeit anschließt. Wir alle sind auf der Such nach einem gelungenen und erfüllten Leben. In der Osterzeit geht es um diese Ausrichtung: Endlich Leben!

Es gibt vieles, was uns am richtigen Leben hindern kann: die Überforderung im Beruf oder der Familie, grüblerische Selbstzweifel, Ängste und Sorgen.


Pfarrer Matthias Eggers,
Wolfenbüttel, St. Petrus

Interessanterweise hat der Ausspruch "Endlich Leben" eine doppelte Aussage. Zum einen entspricht er unserer Sehnsucht nach einem erfüllten und bewussten Leben, in dem wir "endlich" all die Schwierigkeiten hinter uns lassen können, die uns am Leben hindern. Zum anderen kann dieser Ausspruch auch diese Wahrheit zum Ausdruck bringen: Unser Leben ist endlich, es ist begrenzt.

Tatsächlich besteht sogar ein tiefer Zusammenhang zwischen diesen beiden Bedeutungen. Das erscheint zunächst fragwürdig, erleben wir die Begrenzung des Lebens durch den Tod zumeist als Bedrohung und Unheil oder Infragestellung des Lebens. Es gibt aber auch Erfahrungen, die uns etwas anderes lehren. Ich selbst bin dem Tod vor ungefähr zwei Jahren doch recht knapp "von der Schippe gesprungen", wie man so schön sagt.

Bei etwa 100 Kilometer je Stunden bin ich auf einer stark befahrenen Autobahn ins Aquaplaning geraten, schleuderte mehrmals quer über alle Fahrbahnen, hatte dreimal Leitplankenkontakt und konnte dennoch unverletzt aussteigen. Wenn ich heute manchmal in einem sogenannten Stimmungstief bin, erinnere ich mich gerne an diese Situation.

Es hilft mir, einen Blick für das Wesentliche im Heute und Jetzt zu bekommen. Vieles, was mich am Leben hindert, erscheint im Angesicht des Todes in einem neuen Licht. Das bewusste Wahrnehmen der Endlichkeit kann uns zu einer neuen Wertschätzung des Lebens führen.

Im Übrigen ist die Vorstellung eines "unendlichen Lebens" hier auf der Erde für viele nicht wirklich erstrebenswert, unser Leben braucht eine Vollendung. An Ostern feiern wir, dass Gott eines Tages auch unser Leben mit all seinen Brüchen vollenden wird. Die österliche Zeit ist eine Gelegenheit, sich mit der eigenen Endlichkeit des Lebens zu versöhnen. In diesem Sinne stimmt: "Wer endlich lebt, kann endlich leben!"

 

Text ©Braunschweiger Zeitung 2008, Foto: privat